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Sally Perel zu Besuch in Nordfriesland

Er sei nicht als Geschichtslehrer gekommen, sondern als Zeitzeuge, so Salomon 'Sally' Perel. Als Deutscher, Jude und Jugendlicher hat er das NS-Regime überlebt – in der Hitlerjugend.

Sally Perel und das EKJB-Team

„Ich war der einzige jüdische Nationalsozialist“

Er sei nicht als Geschichtslehrer gekommen, sondern als Zeitzeuge, so Salomon 'Sally' Perel. Als Deutscher, Jude und Jugendlicher hat er das NS-Regime überlebt – in der Hitlerjugend. Dieses Doppelleben erweckte in ihm zwei gegenüberstehende Seelenregungen. Davon erzählt der „Hitlerjunge Salomon“ bei seinen Vorträgen. Und das Wertvolle: er erzählt eben aus seiner Doppelrolle und von Herzen. Am 08. März bewegte er damit 600 Schülerinnen und Schüler in der Messe Husum.

Organisiert wurde die Veranstaltung von der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung, dem Zentrum für Misssion und Ökumene der Nordkirche und dem Evangelischen Kinder- und Jugendbüro Nordfriesland. Sie begleiten die Auftritte des mittlerweile 90-Jährigen seit mehreren Jahren in Norddeutschland.

Er wolle erzählen, nimmt Sally Perell gleich zu Beginn auf die Gegenwart Bezug, „damit ihr nicht wieder in so ein Verderben getrieben werdet wie meine Generation.“ Obwohl er in einer Rabbiner-Familie aufgewachsen war, hatte auch er nicht genug Immunität gegen die Vergiftung der Gehirne, wie er selbst gesteht. Deshalb sei es wichtig, dass neue Generationen aus der Geschichte lernen.

Es dürfen nicht wieder die alten Parolen und der Hass überhand gewinnen. „Nächstenliebe ist so ein schöner Wert. Das muss in der Stunde der Wahrheit auch bewiesen werden.“ Die damalige Gleichgültigkeit, bezeugt Sally Perel, hatte Millionen Menschen das Leben gekostet. „Unsere beiden Völker werden noch Generationen Ausschwitz-Invaliden bleiben. Ausschwitz war ein Selbstmord der deutschen Kultur. Und auch die Migranten müssen die Vergangenheit dieses Landes kennen, sonst werden sie nie ankommen.“

Sally Perell hatte 40 Jahre gebraucht, bevor er seine Autobiographie „Hitlerjunge Salomon“ beginnen konnte. 1938, als er 13 war, zog seine Familie von Peine nach Lodz – weg von den Nazis. Nach dem Überfall auf Polen floh er dann ohne Eltern weiter in den sowjetischen Teil. Die Abschiedsworte seiner Mutter lauteten: „Du sollst leben."

Er verstand es vor allem als Aufforderung. Eine Aufforderung, die es ihm erleichterte seine Religion, sein Doppelleben immer wieder zu verleugnen. Denn auf seiner Flucht wurde der Junge aufgegriffen. Er konnte sich als Volksdeutscher ausgeben und wurde von der Wehrmacht als Dolmetscher eingesetzt. Nach zwei Jahren wurde er dann von der Front ins Inland versetzt, dort besuchte er ein Internat der Hitlerjugend. Und dort, so Sally Perel, fing auch er an, sich zu begeistern. „Ich war Jugendlicher, ich war naiv, all die Übertreibungen und Besonderheiten, das hat mich angesprochen.“

Oder prächtig uniformiert herumzulaufen; auch das hatte er genossen. Und wenn er sich unter seinen Kameraden umschaute: „unter den Uniformen waren es alle normale deutsche Menschen. Sie hatten Frau und Kinder, ein Häuschen, einen Hund, vielleicht ein Kätzchen.Und das ist das Erschreckende.“ Wie der Hass von staatlicher Seite und mit voller Verantwortung in der Gesellschaft geschürt wurde. „Kinder und Jugendliche wurden zum Hass erzogen.“ Der Mann, dessen Eltern in Ghettos verschwanden, betreibt keine generelle Anklage sondern will die Geschichte nachvollziehbar machen.

Die zweite Seele des jungen Juden ging aber weit über das bloße Verkleiden hinaus. Die ständig propagierte „Vernichtung des jüdischen Blutes“ blieb ihm ein unauflösbarer Widerspruch, er fand auch Gefallen an der Ideologie. Eine Rasse, die sich über die Jahrtausende als führende arische Rasse herauskristallisiert hätte. „Ich wusste ja, ich bin kein Satan“, berichtete Sally Perel als Jude. Um als Deutscher fortzufahren: „aber so war der Zeitgeist, und es klang logisch, überzeugend – scheinbar war es auch wissenschaftlich belegt, es bediente sich viel am Darwinismus.“ Als ihn damals im Fach Rassenkunde ein Lehrer zur Vermessung nach vorne gebeten hatte fürchtete der Junge wie oft in seinem Leben seine Entdeckung, wahrscheinlich seine Ermordung. Doch des Lehrers Expertise lautete „das ist ein klassisches Beispiel für einen Arier aus dem Baltikum.“

Weil Sally Perel sich in seinem damaligen Zwiespalt selbst gegenüber ehrlich bleiben konnte, kann er im Nachhinein auch so wahrhaftig berichten. Das macht ihn besonders. Selbst nach 2 Stunden durchgehenden Vortrags blieb das jugendliche Publikum weiterhin still und interessiert.

„Ich habe nichts zu verzeihen, ihr seid nicht verantwortlich“ stellte er zum Abschluss noch einmal fest. Er sei nicht gekommen, um Schuldgefühle hervorzurufen oder die Gedanken zu erschweren. Aber er will „die volle Wahrheit erzählen, um den Verstand zu erleuchten - bitte überliefert das Euren Kindern.“